Eiszeit statt Kalter Krieg

Im einstigen Kasino der Kaserne residiert Gelato Mio / Vieles aus Bundeswehrzeit erhalten

Foto: Ulrike Deusch- Allgemeine Zeitung vom 10.12.2016

10.12.2016

COESFELD. Rosie Manusé fasst an den Edelstahlring und öffnet mit einem kräftigen Zug die Eingangstür zur Eismanufaktur Gelato Mio. „Sogar diese Griffe an den Eingangstüren sind original von damals“, sagt sie. „Einige waren gestohlen, aber wir haben recherchiert und sie entsprechend ergänzt.“

Hinter der gläsernen Eingangstür und den kleinen Windfang schließt sich eine große doppelflügelige Holztür an. Buche. Dann die Garderobe. Hinter einer fast antiken Eismaschine eine endlose Reihe von Kleiderbügeln. Hier hingen die Offiziere einst ihre Mäntel auf, hier legten Besucher Jacken und Hüte ab. Geradeaus gings in den Speisesaal, links in den Clubraum.

Hier, wo Toni Manusé mit seiner Frau Rosie und rund einem Dutzend Mitarbeitern seit gut zwei Jahren ökologisch-biologisches Speiseeis produziert und zum Genuss anbietet, war jahrzehntelang das Kasino der Freiherr-vom-Stein-Kaserne. Clubraum und Speisesaal, Lesesaal und Frühstücksecke, Küche und Kühlräume, Lagerräume und Büros, sogar ein Partykeller für die Soldaten. Vom Bau der Kaserne in Flamschen Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre, bis zu ihrer Schließung 2004 haben Generationen von Berufs- und Zeitsoldaten hier ihre Freizeit oder besondere und festliche Momente ihrer Dienstzeit verbracht.

„Es kommen immer wieder ehemalige Bundeswehrangehörige, die sehen möchten, was aus dem Kasernengelände und vor allem auch aus dem Kasino geworden ist“, berichtet Rosie Manusé. Natürlich haben sie und ihr Mann Toni das Gebäude mit rund 1400 Quadratmetern Fläche in der Grünen Mitte des heutigen Industrieparks Nord.Westfalen den Bedingungen einer moderne Eisproduktion und -vermarktung angepasst. Aber wer die italienische Familie und ihre Philosophie kennt, wundert sich nicht, dass das sehr sensibel und mit großem Respekt vor dem Vorhandenen geschehen ist.

In der Eisproduktion setzen die Manusés auf Slow Food, auf Nachhaltigkeit, auf Wertigkeit und regionale Produkte, auf saisonale Angebote und fairen Handel – und in genau diesem Geist haben sie auch das alte Kasino in die neue Zeit geführt. „Wir haben ihm seine Seele gelassen“, sagt Rosie Manusé. Dabei wäre es finanziell günstiger und weit weniger zeitaufwändig gewesen, das nach dem Auszug der Soldaten und den Jahren des Leerstands marode und verwahrloste Kasino abzureißen und ein neues Gebäude in die Grüne Mitte zu setzen, ist sie sicher. Es kam anders.

Die dunkle Holztheke, an der so manches Bierchen gezapft und so manche Geschichte erzählt wurde, steht noch im grau gefliesten ehemaligen Clubraum. Hier genießen in der Saison die Gäste Gefrorenes, aber hier hat auch die Verwaltung von Gelato Mio Einzug gehalten. Im Aktenschrank finden sich noch Ordner mit Unterlagen aus der Kasino-Zeit: „Da gibt es zum Beispiel einen Brief, in dem sich ein Kommandeur über die Qualität des Weins beschwert“, lacht Rosi Manusé.

Wo einst die Menüs für Soldaten und Gäste aufgetischt wurden, ist heute ein großer Raum, der nicht nur als Gastraum, sondern auch für Ausstellungen und Konzerte genutzt werden kann. Kulinarik und Kultur – das geht für die Manusés gut zusammen. Ihr Sinn für Nachhaltigkeit spiegelt sich in den mit Naturmaterialien eingerichteten alten Räumen wider. 

Aus der einstigen kleinen Küche ist ein Eislabor für Seminare geworden, aus der großen Küche das Herz der modernen Bioeis-Produktion. „Die große Dunstabzugshaube brauchen wir nicht, wir kochen ja nichts“, zeigt Rosie Manusé. Trotzdem hat man das damals teure Stück von über 30 000 Mark hängen lassen. Eine Reminiszenz an die Vergangenheit.

Die vielen kleineren Neben- und Funktionsräume nutzen die Eismacher als Lager- und Kühlräume, Stellflächen und Ausweichquartiere. „Und dabei haben wir entdeckt, dass das alte Gebäude auch ein paar Geheimnisse birgt, die wir bislang nicht lüften konnten“, berichtet Rosie Manusé.

Da gibt es zum Beispiel in einem Kellerraum zwei zugemauerte Fenster, hinter denen gar keine Aussicht sein kann. Da hängt aus der Wand ein dickes Telekommunikationskabel, das offenbar nie benutzt worden ist.

Und man hat einen schmalen Gang entdeckt, der kein Ziel hat – irgendwo im Nirgendwo. „Es war eben eine andere Zeit damals, im Kalten Krieg“, schaut Rosie Manusé zurück. Ganz anders als in der neuen Eiszeit.

Von Ulrike Deusch

Quelle: Allgemeine Zeitung vom 10.12.2016

Freiherr-vom-Stein-Kaserne

Die Freiherr-vom-Stein-Kaserne ist in zwei Bauphasen von 1967 bis 1971 und von 1974 bis 1979 errichtet worden. Das letzte Gebäude, das Lehrsaalgebäude, entstand Anfang der 1980er Jahre. Letzte umfängliche Sanierungsarbeiten wurden 2002 durchgeführt. Die Fläche umfasste zu diesem Zeitpunkt 51 Hektar, sie hatte 1997 24 Wohngebäude und zehn Werkstätten, Sportanlagen, mehrere Kantinen und Freizeiteinrichtungen. In Spitzenzeiten waren 2200 Soldaten und zivile Mitarbeiter beschäftigt. Am 1. 4. 1971 rückten die ersten Soldaten des Fernmeldebataillons (FmBtl) 130 in die noch nicht offiziell eröffnete Kaserne ein. Sie erhielt erst ein Jahr später ihren Namen. 1973 folgte auf das FmBtl 130 das 1957 als Korpsfernmeldebataillon 211 zuerst an der Osterwicker Straße und dann in Borken beheimatete Stabs- und Fernmeldebataillon 110. 1984 folgte das Instandsetzungsbataillon 110 aus Delmenhorst.| Quelle: Stadtarchiv

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